„Wir brauchen einen Runden Tisch für ein neues Regelwerk“


Nika Prevc, Bruder Domen und Andreas Wellinger hießen die Sieger vom Flugwochenende in Vikersund. Der Ruhpoldinger heimste erstmals die Raw-Air-Trophäe ein. Die Schlagzeilen im Skispringen werden aber weiterhin vom Anzugskandal um das norwegische Team bestimmt. AVIA war als Sponsor bei der diesmal verkürzten Tournee in Norwegen genauso präsent wie Gerd Siegmund, den wir nach der Rückkehr befragt haben.

AVIA: Hallo Gerd, bevor wir zum nach wie vor bestimmenden Thema kommen, lass uns über den Sport sprechen. Da gibt es überaus Erfreuliches zu berichten, oder?

Gerd Siegmund: Ja, klar. Andreas Wellinger hat mit seinen Leistungen gezeigt, dass er der Springer in dieser Saison hätte sein können, der sehr, sehr viel gewinnt. Unabhängig von der Anzuggeschichte sage ich aber: Er braucht eben diese saubere Technik, wie er sie in Oslo und Vikersund gezeigt hat, um ganz vorn zu landen. Ich finde es super, dass er jetzt verdientermaßen mit der Raw-Air-Tournee Frieden schließen konnte. 2017 hatte er in Führung liegend im letzten Flug bei ganz miesen Windbedingungen den Gesamtsieg verpasst. Umso schöner, dass es jetzt geklappt hat.

AVIA: Ist die Saison damit aus deutscher Sicht gerettet?

Gerd Siegmund: Das würde ich so nicht formulieren. Es sollte eine klare Analyse geben, warum mit der Tournee ein so klarer Formabfall durch fast das gesamte Team zu verzeichnen war und das über zwei Monate lang. Sicher ist es sehr gut, mit Blick auf den anstehenden olympischen Winter positiv aus der Saison rauszugehen. Aber diese Durststrecke muss schon akribisch aufgearbeitet werden.

AVIA: Wie hast du die Damen beim Skifliegen auf dem Monsterbakken wahrgenommen?

Gerd Siegmund: Sie hatten wirklich Pech. Erst musste am Samstag vor Nika Prevc, der letzten Springerin, abgebrochen werden. An dem Tag gab es Windspitzen bis zu 11 m/s, da hätte niemand fliegen können. Nika war einfach überragend, ihr Rekordflug auf 236 Meter erste Sahne. Sie ist diesen Winter die beste Springerin. Ihr Mut und ihre körperliche Leichtigkeit machen beim Fliegen eben diese Riesenunterschiede aus. Großen Respekt für sie, und natürlich alle Frauen, die den Monsterbakken gemeistert haben.

AVIA: Ein Wort zu Selina Freitag, was sagst du zu ihr?

Gerd Siegmund: Sie springt die beste Saison ihrer Karriere, liegt im Gesamtweltcup auf Rang zwei, hat zweimal WM-Silber im Einzel und einmal Bronze im Team in Trondheim geholt. Nun ist sie die erste deutsche Frau, die über die 200-m-Marke gesegelt ist. Das nennt man wohl einen Flug ins Geschichtsbuch. Mal sehen, was abschließend am Donnerstag und Freitag in Lahti noch geht bei ihr. Sie ist gereift, hat sich toll entwickelt.

AVIA: Nach wie vor bestimmt der Anzugskandal von der WM die Schlagzeilen im Skispringen. Was sind deine Erkenntnisse? Du hast sicher viele Gespräche geführt in Norwegen.

Gerd Siegmund: Ja. Und es wird sicher noch einige Gespräche in der Zunft geben müssen, um das alles aufzuarbeiten und Lösungen zu finden. Der Weltverband Fis wollte die Anzüge bis Planica einkassieren und jeweils erst vor den Springen wieder ausgeben. Das hat jetzt aus verschiedenen Gründen, sei es logistische oder juristische, nicht gelungen. Aber es wurde bereits vor den Springen intensiver kontrolliert. Wir brauchen neue Konzepte.

AVIA: Welche Ansätze siehst du, wie man die Glaubwürdigkeit wieder herstellen kann?

Gerd Siegmund: Es braucht einen Runden Tisch mit Beteiligten aus allen Bereichen. Und mit alle meine ich insbesondere den Sport. Es nützt nichts, wenn nur von der Fis ein neues Regelwerk verabschiedet wird. Dann könnten die Teams wieder sagen, das habt ihr ja entwickelt, aber praktisch ist das keine Lösung. Es müssen aus jeder Fachgruppe Leute dabei sein, um ein gemeinsames Konzept zu entwickeln, hinter dem alle stehen. Ansätze sehe ich in der Verbesserung der Kontrollen. Dazu muss man überlegen, wie man das Reglement vereinfachen kann. Der zweite Punkt ist ein Strafenkatalog, der zur Anwendung kommt, wenn sich jemand nicht an die Vorschriften hält.

AVIA: An welche Strafen denkst du?

Gerd Siegmund: An Geldstrafen für Athleten und Verbände bis hin zu Sperren für bestimmte Zeiträume je nach Vergehen.

AVIA: Derzeit hat man das Gefühl, eine Nation verdächtigt die andere, in irgendeiner Form schon mal gemogelt zu haben. Wie siehst du das?

Gerd Siegmund: Ja, in der viel zitierten Skisprungfamilie herrscht eher ein Rosenkrieg statt Harmonie. Dieses Vertrauen muss zurückgewonnen werden, sowohl gegenüber der Fis und auch gegenüber den Athleten. Da sind vor allem auch die Trainer gefragt, diese Kultur wiederherzustellen.

AVIA: Sie stehen aber besonders unter Druck, wie auch der suspendierte Nationalcoach Magnus Brevik zugegeben hat.

Gerd Siegmund: Ja, aber wir müssen in erster Linie darauf schauen, welches Bild das Skispringen oben in der Weltspitze abgibt, gerade für die Jugend. Die Springer im Weltcup waren zu meiner Zeit unsere Helden, ihnen haben wir nachgeeifert. Jetzt bekommt der Nachwuchs vermittelt, dass Beschiss ein Kavaliersdelikt ist und man am Anzug herumtüfteln muss, um zu gewinnen. Das kann und darf nicht sein. Da muss jeder einzelne Springer auch mal in den Rückspiegel schauen, warum er sich dieser Leidenschaft verschrieben hat. 

AVIA: Du hast in Norwegen auch mit FIS-Generalsekretär Michel Vion gesprochen. Welchen Eindruck hast du gewonnen?

Gerd Siegmund: Jeder kann sich vorstellen, dass er nicht amüsiert war und er nicht ohne Grund der Disziplin einen Besuch abgestattet hat. Das zeigt auch die Dimension der Krise, die bereits zum zweiten Mal nach der Disqualifikationsorgie bei Olympia in Peking im Mixed von einem Skandal erschüttert wird. Er wollte sich ein Bild verschaffen, wie das passieren konnte und wie die verantwortlichen Führungskräfte mit der Situation umgehen. So viel dürfte klar sein: Wenn das, was in Trondheim geschehen ist, bei Olympia passiert wäre, wäre Skispringen noch vor der Kombination aus dem olympischen Programm geflogen.

AVIA: Danke fürs Gespräch.

Erstellt am:
News: Wintersport
Deutsche AVIA Mineralöl-GmbH